Mein Weg zum Laufen – Anja

Viele Läufer die ich via Twitter oder Facebook verfolge habe auch mal klein angefangen. Wäre es da nicht interessant zu erfahren wie es dazu kam, inkl. kleine Tipps und Tricks aus erster Hand? Ziel der Aktion: jeder der mag kann seine persönliche Läufergeschichte aufschreiben, mit Tipps und Tricks spicken, gerne auch angeben ob und wie er sich vernetzen will.

Bei mir gibt es nicht ‘die’ eine Situation, die mich zum Laufen gebracht hat. Es ist wohl eher die Summe vieler kleiner Momente.

Bis vor 2 Jahren war ich der Inbegriff eines Sportmuffels- eine reine Schreibtischtäterin, die es gerade mal vom Rechner aufs Sofa schafft. Ich kam aus der Puste, wenn ich mal die Einkäufe in den dritten Stock schleppen musste. Ungefähr halbjährlich kam ich auf den Gedanken, dass ich irgendwie mal Sport treiben müsste und lief um die vier Ecken. Aber mehr als 200m weit kam ich nie. Das frustrierte und ich beließ es dabei. Ich bin eben keine Läuferin. Als sich einer meiner Söhne verletzte, schaffte ich es nicht, zu ihm zu spurten-in Sichtweite! Ich war vorher so außer Atem, dass andere Mütter einfach schneller waren. So peinlich!

Dann musste mein Mann beim JP Morgan Lauf mitmachen. Er tat es- genauso untrainiert wie ich, ohne je vorher einen Schritt geübt zu haben. Er schaffte die ganzen 5,6km ohne jede Pause und auch in einer für die Verhältnisse super Zeit. “Das wäre ja jetzt nicht so das Ding”, wie er meinte. Den fulminanten Muskelkater hinterher verschweige ich jetzt mal dezent. Aber in mir weckte das Neid. Warum kann er das und ich nicht? Bei so einem Rennen teilzunehmen wäre schon irgendwie krass, und der Gedanke setzte sich in meinem Hinterkopf fest.

Ich fing an, Sport zu treiben- Radball, weil es ein außergewöhnlich faszinierender Sport ist. (Das ist so eine Art Fußball auf dem Fahrrad und wird mit Fahrrädern mit fester Übersetzung gespielt, so dass man vorwärts wie rückwärts fahren kann). Radball ist der wohl anstrengendste Sport, den ich je kennengelernt habe. Bereits nach 2min war ich bis in die Socken nassgeschwitzt, voller Prellungen und total am Ende. Aber glücklich.

Schnell jedoch merkte ich, dass ich weder die Kraft noch irgendeine Art von Ausdauer besitze und schneller vom Rad kippe als gut für mich ist. Also war der logische Schluß: ich brauche Ausdauer, die Kraft würde von alleine kommen. Wieder ein Grund mehr, Laufen zu gehen. Mittlerweile weiss ich aber, dass zur Kraft und Ausdauer auch Mut gehört, den ich einfach nicht aufbringen kann. Wer kippt sich schon freiwillig mit dem Rad nach hinten um?

Der dritte und wohl wichtigste Grund für mich ist ein ganz privater. Ich habe in meinem Leben schon viel richtigen Mist erlebt. Ich fühle mich einfach wohler, wenn ich das Gefühl habe, weglaufen zu können oder wenigstens körperlich in der Lage dazu zu sein. So ist bei mir jeder Lauf eine kleine Flucht. Nicht umsonst heißt mein Blog Runaway.

Ich schätze am Laufen die Einsamkeit. Ganz mit sich und guter Musik auf den Ohren einfach mal für ein Stündchen verschwinden und nicht erreichbar oder ansprechbar zu sein. Dabei ist es mir ziemlich egal, ob das nun 5 oder 10km sind- ich komme heim, wenn ich wieder bereit bin, der Welt entgegenzutreten. Meist mit einem Kopf voller neuer Ideen. Laufen eignet sich hervorragend, um die Gedanken zu ordnen.

Als ich  begann zu Laufen, machte ich wohl jeden Anfängerfehler, den es geben kann. Ich lief viel zu schnell los, lief gegen Schmerzen weil es so im Trainingsplan stand und handelte mir einen Belastungsbruch im Schienbein ein. Die Muskeln, die jahrzehntelang kaum gebraucht wurden waren einfach zu schwach, um die Gelenke vernünftig stützen zu können. Auch jetzt noch ist das Krafttraining in der Muckibude beinahe wichtiger als das Laufen selbst.

Jedenfalls hatte ich durch die Verletzungspause Monate Zeit, in mich zu gehen und mein Vorgehen zu überdenken. Der zweite Start ins Läuferleben war langsam und stückchenweise. Zu groß war meine Angst, es wieder zu übertreiben. Ich lernte, auf meinen Körper zu hören und nicht mehr zu fordern als ihm guttut. Ich lernte auch, mich nicht mit anderen zu Vergleichen, auf keine gutgemeinten Ratschläge zu hören und mein ganz eigenes Steigerungstempo zu finden. Ich bin zwar immer noch auf der Suche, aber mittlerweile habe ich das Gefühl, wenigstens in die richtige Richtung zu gehen.

Im Gegensatz zu vielen anderen laufe ich gegen Unter- und nicht gegen Übergewicht an. Ohne Reserven auf den Rippen kommt man nicht weit. Jeder mehr gelaufene Meter ist für mich ein persönlicher Gewinn- heisst das doch, genug gegessen zu haben. Das heisst aber auch, dass meine Laufleistung sehr von meinem Gewicht abhängig ist.

Ich weiss, ich handele mir jetzt den Neid vieler ein, wenn ich sage, dass das Stück kalte Pizza vor dem Schlafengehen zu meinem Ernährungsplan gehört 😉

2014 war für mich ein Katastrophenjahr, in dem ich überhaupt nicht mehr zur Ruhe kam. Als Gegenmittel verordnete ich mir selbst ein aufregendes Erlebnis und meldete mich sehr spontan zum 2015er Skyrun Frankfurt an. 61 Stockwerke hochrennen. Wenn ich schon von meinem Umfeld für bekloppt gehalten werde, dann aber auch richtig. Ich wollte allen Unkenrufen zum Trotz etwas meistern, was eben nicht jeder einfach mal eben so kann. Mit diesem Ziel vor Augen und dem Motto im Hinterkopf “wenn Du das schaffst, schaffst du alles!” trainierte ich zielgerichtet und verbissen. Schließlich stand ich oben auf dem Messeturm und hätte die Welt umarmen können. Das Gefühl, es nach langer Zeit voller Schweiss und Tränen endlich gepackt zu haben, ist einfach unbeschreiblich.

Auf jeden Fall macht es süchtig und so überlege ich ernsthaft, mich im nächsten Jahr zu einem Treppenmarathon anzumelden. Die 5,6km vom JP Morgan schaffe ich zwar noch immer nicht am Stück, aber ich hätte ein ganzes Jahr Zeit. Ich weiss ja jetzt, dass ich das kann, wenn ich nur will und genug dafür tue, meine Träume zu verwirklichen.

Was mir während meiner Läufe so im Kopf rumspukt blogge ich unter www.runawayblog.com, die Facebookseite dazu ist noch relativ neu hier zu finden: https://www.facebook.com/runupandaway , auf Twitter findet man mich unter @kalinumba und auf Instagram unter https://instagram.com/runupandaway/